* 2000N8 *
Neujahr, 2008.
Erschöpft von dem rauschenden Fest schlief sie drei Tage und drei Nächte, und sie schlief so tief wie die Wüste weit ist; in seinem Arm.
Minuten und Stunden verstrichen als hätte es sie gar nicht gegeben und nur zweimal öffnete sie ihre Augen, um ihn anzusehen, sich zu vergewissern, dass ihr Traum ein echter war, und auch er blickte sie in diesen Augenblicken an; als habe sie an seiner Tür geklopft.
Sie schwiegen und sprachen Bände. Von Leben und Leiden erzählten sie einander mit geschlossenen Augen; gemeinsam sangen sie dasselbe fremde Lied von Liebe.
Ihre Körper lagen ruhig nebeneinander, gestrandet, der Atem war flach und ihr Lidschlag so sanft, einladend, dass er Lust bekam, den Vorhang zu öffnen und herauszutreten, hinaus in die weite Welt, am Meer. Er war bereit aufzubrechen, wollte eintauchen, schwerelos werden und unter der Welle ihrer Wimpern hindurch in das Innere ihres Auges schlupfen, durch ihren Kopf zu ihrem Geist, sich in ihrer Seele niederlassen, und er wollte sie die gesamte Zeit im Arm halten, sie nie wieder loslassen, und nun da ihm gewahr wurde, dass er die Menschen bestiehlt, drückte er sie für einen unüberlegten Moment fest an sich, doch sofort ließ er nach. Er durfte sie nicht beschädigen.
Sein Glück war unfassbar und er wollte ein Wort sagen, irgendeins, das sie nun in seiner Welt verankert.
Noch einen Augenblick lagen sie fast reglos da, die Augen längst wieder geschlossen, als er zu träumen begann. Und noch trunken vom Rhythmus der glänzenden Nacht wanderte seine Hand über das Samtkleid, das sie immer trug, immer noch trug und suchte einen Weg im Dunkel. Ihre Schritte waren unsicher, unentschlossen. Unter dem Samtkleid fühlten sie sich jedoch sicher und entschlossen an, und so wankte sie innerlich bis sie bald seekrank wurde, so sehr, dass ihre Hand verzweifelt Halt in seiner zweiten suchte, und ihre Unruhe dauerte nur drei Wimpernschläge, Schläge, die das Meer zum Wogen brachten, in dem er eben noch ruhig gebadet hatte, und die See wurde bald stürmisch, wild, die Sterne zerbrachen zu tausend Tropfen und ihr Glanz kribbelte auf der Haut, sie wollte ihm entfliehen und konnte es doch nicht, und er war ein erfahrener Schwimmer und brachte sie sicher zurück an Land. Nun wollte sie ihm danken, mit einem Wort, irgendeinem.
Und es war oder war nicht, dass der Schlaf der Pirat der Nacht war und des Meeres und sie drei Tage besetzte.
Ich liebte einst ein Mädchen.
Atemlos verharrten sie im Sand, sprachlos, kraftlos, und die Nacht war kühl, als er plötzlich trocken und tonlos zu Weinen begann.
Ihre Herzen klopften, laut und regelmäßig, dröhnten wie ein dumpfer Bass. Vom Himmel fielen weiche Flocken auf ihren Geist, als versuchte Er sie zu besänftigen.
Ihr Bett ward erfüllt von wärmender Kälte, die weich war und leicht und ihre Lage doch erschwerte. Eine hässliche weibliche Gestalt lag da zwischen ihnen, nackt.
Noch immer hatten sie ihre Sprache nicht gefunden, trotzdem sagte er endlich: „Ich liebte einst ein Mädchen.“ Sie rührte sich nicht. Die Anwesenheit der fremden Hexe lähmte sie mehr noch als die sanfte Kälte. Seine Worte rührten ihn. Tapfer hielt er die Tränen zurück, und so regneten sie auf sein Herz. Heiße Tropfen verglommen im Feuer, verdunsteten in seinem Körper und bahnten sich ihren Weg durch seine Haut; er schwitzte tausend glitzernde Tropfen und hoffte, er könnte die finstere Gestalt zwischen ihnen mit seinem Schweiß fortspülen. Ihre Haut war weiß wie der Mond. Sie war alt und niemals schön gewesen. Sie tat ihm leid.
Nun drehte er seinen Kopf zu ihrem und biss sich auf die Unterlippe. Die Zweite lag weiter zwischen ihnen, starr und knochig und verströmte schlechte Luft, die zu ignorieren sie sich streng zwangen. „Ich liebte einst ein Mädchen und verlor.“ Er holte tief Luft.
„Ich …“, es fiel ihm schwer, „Ich liebte einst ein Mädchen und verlor erst den Verstand und dann mein Mädchen.“ Zögerlich suchte er ihre Hand. Sie blickte ihn an. Übersah die Schuld.
„Ich liebte einst ein Mädchen und verlor erst den Verstand und dann mein Mädchen, und ich kann mir nicht erklären, wie das geschehen konnte; ich liebte sie doch.“
Sie atmete nur in Gedanken. Dinge geschehen, ohne dass wir sie verstehen, dachte sie, sagte es aber nicht.
Und es war oder war nicht, dass er ihre Hand nahm und sie in sein Leben entführte.
Es war oder war nicht, dass diese Geschichte so endete oder begann.
“Ich liebte einst ein Mädchen“, zwang er sich abermals, „und dieses Mädchen liebte mich.“
Sie fuhr mit der Zunge über ihre Lippen, zog die filigranen Brauen zusammen, „Was ist passiert?“
Er wandte sich ab, stand auf und ging ein paar Schritte. „Komm,“ forderte er sie einen Moment später auf, als er sich neben sie kniete, „das ist längst vorbei.“
Elftausend wilde Blitze spukten durch ihr Hirn. „Würdest Du davon sprechen, wenn es vorbei wäre? Nicht mit mir. Nicht jetzt. Überhaupt nicht." Und sie wusste, dass sie ihn heilen sollte, bloß wusste sie nicht wie. Sie dachte nach. Er streichelte ihre Hand mit wischender Geste, gerade so, als wolle er den Staub seiner Vergangenheit, mit dem er sie beschmutzt hatte, von ihr abwischen. Das hässliche Weib lag noch immer neben ihr, reglos, stinkend und leichenblass. Wer ist das, wollte sie wissen und wusste es doch längst. Irgendwie.
Er setzte sich. „Komm“, wiederholte er dann, „wir gehen woanders hin. Es ist kalt hier.“ Und so gingen sie an einen besseren Ort. Es war sein Haus, das sie bald betraten, und sie fühlte sich nicht fremd.
Er hatte Tee gekocht und sprach: „Einst liebte mich ein Mädchen. Sie war mir der wichtigste Mensch auf der Welt. Ich liebte sie schon, als ich sie das erste Mal erblickte. Und als sie mir sagte, dass sie schwanger ist, war ich der glücklichste Mann der Welt. Es war für alle offensichtlich, dass wir eins geworden waren, als wir drei wurden. Und ich liebte sie mit und ohne Verstand. Drei Jahre lang." Er machte eine Pause. "Drei Jahre sind nicht lang.“
Er schluckte so schwerfällig, als liefe alter Leim durch seine Kehle. „Einst liebte ich ein Mädchen und dieses Mädchen liebte mich. Trotzdem verletzte ich sie tief. Es war nicht meine Absicht und plötzlich war es meine Schuld. Sie wollte sich trennen, und ich versuchte, ihren Wunsch zu respektieren, aber konnte sie nicht loslassen, nicht ohne sie leben. Es ging einfach nicht. Also kämpfte ich, und kämpfte und kämpfte. Sie kam zu mir zurück.“ Er lächelte nicht, aber strahlte.
Einst liebte ich ein Mädchen und dieses Mädchen liebte mich.“, wiederholte er zu sich, und sie wollte ihren Arm um ihn legen, ließ es jedoch sein, denn sie begriff, dass er einer Anderen gehörte, noch immer, Körper und Seele waren einander fremd. Er flüsterte: „Eintausendachtzig Nächte und ein Tag.“ Sie saß wie gelähmt auf seinem Sofa und ertrug seine Geschichte mit schmerzendem Herzen. Es war nicht das halbe Leid, das wusste sie.
„Ich liebte einst ein Mädchen und verlor erst mein Mädchen und dann den Verstand.“
… und es war oder war nicht, dass er das hässliche alte Weib loswerden konnte, das in seinem Schatten lebte und ihm verleidete, noch einmal zu lieben.
Text erstmals veröffentlicht am 05. Januar 2008